Best of Schauerstoff: Stille Nacht (Reupload)
Shownotes
Weihnachtszeit ist Geschenkezeit, weshalb wir euch am 1. Feiertag eine Extraportion Schauerstoff unter den Baum legen: Hört hier noch einmal "Stille Nacht", eine düstere Weihnachtsgeschichte inklusive Schneesturm und eiskalter Stimmung am Festtisch, bei der sich am nächsten Morgen ein Regen aus Asche und tausend Fragen über die Beteiligten legt...
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Transkript anzeigen
00:00:09: Stille Nacht.
00:00:24: Die Sicht war schlecht und der Feldweg bereits komplett zugeschneit.
00:00:29: Als John Larsen sich zu Pferde abmühte, der unebenen Piste am Rande eines Maisfeldes irgendwie zu folgen.
00:00:36: Immer wieder landeten dicke Schneeflocken auf seinen Wimpern.
00:00:40: Und sein von der Witterung gezeichnetes Gesicht fühlte sich allmählich taub an.
00:00:45: Bald würde es auch noch dunkel werden.
00:00:48: und er hatte noch mindestens drei Meilen vor sich, bevor er sein Ziel an diesem verschneiten Heiligabend im Jahre eighteenhundertfünfundachtzig erreichen würde.
00:01:00: Innerlich verfluchte er sich mehrere Male dafür, dass er der Einladung seiner Gastgeber überhaupt gefolgt war.
00:01:07: Er hatte sich dazu hinreißen lassen, einem beinachtlichen Abendessen bei seinen Angestellten zuzusagen.
00:01:14: Einem älteren Ehepaar nahm uns Patrick und Mathilda Rooney.
00:01:18: denen er einen Bauernhof mit Samtlendereien verpachtet hatte.
00:01:23: Warum genau er die Einladung angenommen hatte, konnte er rückblickend nicht einmal mehr genau sagen.
00:01:29: Vielleicht, weil es nun mal Weihnachten war, er irgendwie Mitleid mit diesen älteren Herrschaften hatte und die Zeit der christlichen Nächstenliebe es nun mal gebot, sich als Solidarisch zu profilieren.
00:01:42: Vielleicht aber auch, weil er ansonsten ohnehin nur alleine zu Hause rumgesessen hätte, nachdem seine Frau vor einiger Zeit gegangen war, und die Kinder gleich mitgenommen hatte.
00:01:53: Und da er nicht kochen konnte und auch bezweifelte, dass er diese Fähigkeit als gestandener Mann noch gezwungenermaßen erlernen musste, hatte er so zumindest für Weihnachten eine warme, mit liebezubereitete Mahlzeit in Aussicht.
00:02:08: Es half also nichts.
00:02:10: Er musste die Zähne zusammenbeißen und sein treues Pferd weiter durch den Schneesturm manifrieren, wenn er hier draußen nicht verhungern oder erfrieren wollte.
00:02:22: Gegen siebzehn Uhr erreichte er schließlich das alte Farmhouse der Runys, gerade noch rechtzeitig vor Einsätzen der Dunkelheit.
00:02:30: Noch während er seine Stiefel aus den Steigbügeln befreite und sich den Schnee von den Schultern klopfte, öffnete Matilda Runy bereits die Tür.
00:02:39: Die ca.
00:02:39: sechzigjährige Dame hatte eine Schürze um ihre ausladenen Hüften gebunden und strahlte ihn bereits aus der Tür mit einem willkommen heißenden Lächeln an und mit einem hochroten Kopf.
00:02:51: John Larsen Mutmaster dass sie in den vergangenen Stunden emsig in der Küche gestanden, gekocht und gebacken hatte.
00:02:59: Und trotzdem sagte ihm etwas, dass die Röte in ihrem Gesicht nicht nur der Hitze des Ofens geschuldet war.
00:03:06: »Guten Abend, Mr.
00:03:07: Larsen« hob Mathilda Rooney dann so gleich vergnügt an und streckte ihm die Hand entgegen.
00:03:13: »Wie schön, dass Sie da sind!«.
00:03:16: Ein scharfer Geruch von Pfefferminzschnapps schlug ihm trotz des eisigen Windes entgegen.
00:03:21: Die Runis hatten offenbar schon ohne ihn mit den Feierlichkeiten begonnen.
00:03:28: Und dennoch konnte John Larsen nicht leugnen, dass es ihm nach dem anstrengenden Ritt durch Eises kälte, ebenso nach einem Ring verlangte, der ihn wieder aufwärmen würde.
00:03:38: Mit steifen Gliedern folgte er Mrs.
00:03:40: Rooney in das behaglich beheizte Bauernhaus.
00:03:44: Spittestens am warmen Kamin sitzend, würde er seine taubgefrorenen Finger und Zehen wohl hoffentlich wieder spüren.
00:03:53: Matilda Rooney führte ihren Gast ins Wohnzimmer.
00:03:56: wo ein älterer Herr gerade ein weiteres Holzscheid in die Feuerstelle legte.
00:04:02: Da sind sie ja endlich, sagte Patrick Rooney.
00:04:05: Er richtete sich betont langsam auf und streckte seinem Arbeitgeber die Hand entgegen.
00:04:10: John Larsen fragte sich prompt, wie lange Rooney und seine Frau noch die Felder bestellen konnten, für die er die Ehleute unter Vertrag genommen hatte.
00:04:19: Vielleicht musste er sich schon bald nach neuem Personal umsehen.
00:04:24: Aber das hier war nicht der Moment, um diesen Gedanken weiter auszuführen.
00:04:28: Geschweige den.
00:04:29: ihn offen auszusprechen.
00:04:32: Mrs.
00:04:33: Looney wies ihm einen gepolsterten Stuhl an, der einzige und vermutlich bequemste im Raum, den das Ehepaar zu bieten hatte.
00:04:41: John Larsen nahm Platz und sah sich um.
00:04:44: Jenseits des wärmenden Kamins bot das Wohnzimmer der Loonies einen ertrostlosen Eindruck, über den auch die wenigen Tannenzweige und kurzen Stumpenkerzen nicht hinwegtäuschen konnten, die die Hausherren zu Dekorationszwecken hier und dort verteilt hatte.
00:05:00: Abgesehen von einem schweren Eichentisch und ein paar einfachen Bauernstühlen war der Raum fast leer.
00:05:06: Auf dem Boden lag eine Mischung aus Wollmäusen und allerhand Krümeln, und in den Ecken entdeckte er trotz des gedimpnten Kerzenscheins Spinnenweben und Schimmel.
00:05:16: Offenbar nutzten die Ehreleute den Kamin erselten, weshalb sich in dem alten Gemäuer allmählich die Feuchtigkeit festgesetzt hatte.
00:05:24: John Larsen arg wöhnte sofort, dass Mr.
00:05:26: Rooney des Feuerholzsuchens und Hackens allmählich überdrüssig war.
00:05:31: Oder er war schlichtweg zu alt und gebrechlich.
00:05:34: Kein Zweifel, er würde sich im kommenden Jahr nach neuen Mitarbeitern umsehen müssen.
00:05:42: Da schwangen die knarrende Holztür zum Wohnzimmer auf und ein junger Mann trat mit einem Tablett in den Raum.
00:05:48: Er war ca.
00:05:48: Ende zwanzig, ein kräftiger Bursche mit langen Haaren und Vollbad.
00:05:53: Auf dem Tablett balancierte er drei Becher mit dampfendem Inhalt.
00:05:56: Dem Geruch nach musste es eine Art Grog sein.
00:06:00: Der Hühne stellte das Tablett auf den Tisch und reichte erst John Larsen, dann dem alten Rooney ein Getränk, bevor er sich den letzten Becher nahm und sich auf einen der freien, klapprigen Holzstühle setzte.
00:06:13: »Welkommen, Mr.
00:06:13: Larsen«, sagte er in Richtung des Gastes und hob dabei seinen Becher.
00:06:18: »Schön, dass Sie unsere Einladung auf unseren bescheidenen Hof gefolgt sind.«.
00:06:23: Larsen dämmerte plötzlich, dass er den jungen Mann schon einmal gesehen hatte.
00:06:28: Es musste der Sohn der Rooney sein.
00:06:30: Und vermutlich hatte er ihn an dem Tag kennengelernt, als er ihn den Hof verpachtet, und die ihr Leute eingestellt hatte.
00:06:37: Doch wie lange konnte das her sein?
00:06:40: Fünfzehn, zwanzig Jahre vielleicht?
00:06:43: Herr Gott, wie die Zeit verstrich.
00:06:45: In jedem Fall musste er damals noch ein minderjähriger Busche gewesen sein.
00:06:50: Jung genug, um ihn jetzt als Erwachsenen nicht wieder zu erkennen.
00:06:54: Der Sohn wiederum hatte ihn offenbar sehr gut in Erinnerung behalten.
00:06:58: Was auch immer das bedeuten mochte.
00:07:03: John Larsen suchte in den hintersten Winkeln seines Gedächtnisses.
00:07:07: Doch ihm mochte der Name des jungen Runys paar Tu nicht mehr einfallen.
00:07:11: Das verunsicherte ihn, und er beschloss, dem Gespräch zwischen Vater und Sohn aufmerksam zu folgen, um so den Namen vielleicht doch noch irgendwie aufschnappen zu können.
00:07:24: Doch zu seinem Leitwesen waren weder Vater noch Sohn sonderlich gesprächig.
00:07:28: Nachdem der blonde Riese Platz genommen hatte und sie einander zugeprostet hatten, wurde es wieder still im Raum.
00:07:35: Larsen spürte, wie der warme Grog seine Kehle entlangern, und in seiner Magengrube ein wohliges Gefühl produzierte.
00:07:43: Am liebsten hätte er einfach die Augen geschlossen und kurz ausgeruht, doch das Gebot sich selbst in seiner höheren Stellung, als Gast und Gutsherr, nun mal überhaupt nicht.
00:07:54: Also suchte er händeringend nach irgendeinem belanglosen Thema, das sie zu dritt besprechen konnten, und beschied sich schließlich mit Smalltalk.
00:08:04: Gemütlich haben sie es hier, setzte er an und verstummte umgehend wieder, sobald sein Blick den des jungen Ronys traf.
00:08:12: Der Hub fragend eine Augenbraue und sah sich in dem trostlosen Zimmer um.
00:08:17: Ach ja, gab er leicht Hühnen zurück.
00:08:21: Ein wenig Kark, finden Sie nicht?
00:08:23: Wir hätten gerne ein paar mehr Möbel, eine Anrechte zum Beispiel, oder ein paar neue Stühle.
00:08:29: Doch dafür reichte der Lohn dieses Jahr leider nicht.
00:08:35: John Larsen empfing die verbale Schelle absolut ausdruckslos.
00:08:39: Ihm war vollkommen klar, worauf der junge Wuni abzielte.
00:08:42: Womöglich waren sein Vorwurf und die implizierte Forderung, auch nur der Anlass gewesen, ihn überhaupt einzuladen.
00:08:50: Vielleicht hatte der Grog bereits seine Zunge gelockert und nun suchte er die Konfrontation.
00:08:55: Aber er, Sir John Larsen
00:08:57: Jr.,
00:08:59: würde sich unter Garantie nicht darauf einlassen.
00:09:03: Es war für uns alle ein schwieriges Jahr.
00:09:05: Gab Erlächeln zurück und nahm noch einen Schluck Grog.
00:09:09: Der Hühne wollte etwas erwidern, doch sein alter Herr greetschte ihm plötzlich überraschend schnell dazwischen und sprach, Das stimmt, Mr.
00:09:16: Larsen.
00:09:17: Es war bestimmt für niemanden einfach.
00:09:21: Wie zur Erleichterung aller sprang plötzlich erneut die Wohnzumatür auf und Mathilda Rooney trat mit einer Schüssel voll dampfener Kartoffeln ein.
00:09:30: Ihr Gesicht war noch immer tiefrot und John Larsen mutmaßte, dass in der Küche dank des Weihnachtsbratens mittlerweile gerade zu tropische Temperaturen herrschen mussten.
00:09:41: Mit einer ausladenden Geste stellte Mrs.
00:09:43: Rooney die Schüssel mittig auf dem Esstisch und rief.
00:09:47: Es geht los.
00:09:48: Gleich bringe ich den Vogel herein.
00:09:53: Das ließen sich die Herren der Runde nicht zweimal sagen.
00:09:56: Wie auf Kommando rutschten die Männer auf ihren Stühlen näher an den Ess-Tisch heran und stopften sich erwartungsvoll die Stoffservierten in die Krägen.
00:10:04: Der Winter war hart und zährend und entsprechend groß war ihr Hunger auf Fett, Fleisch und Kohlenhydrate.
00:10:12: Mrs.
00:10:12: Rooney erschien bald darauf ein zweites Mal in der Tür und trug tatsächlich einen riesigen Truthahn auf einem Tablett vor sich her.
00:10:19: Ein Duft aus Geflügelfett, gedünsteten Zwiebeln und gebratenen Äpfeln erfüllte den Raum.
00:10:25: Augenblicklich vergaß John Larsen den beschwerlichen Weg, den er für dieses Fest mal auf sich genommen hatte, und starte mit glänzenden Augen auf den Trutaren.
00:10:34: Die Runis hatten ihm schon vorab signalisiert, dass er ebenso die Nacht bei ihnen verbringen könnte, was er ursprünglich hatte ablehnen wollen.
00:10:43: Doch angesichts des Schneestomps vor der Tür, dem Alkohol in seiner Blutbahn und seinem bald prall gefüllten Magen wusste er schon jetzt, Das es besser wäre, dem Angebot seiner Gastgeber nachzukommen, auch wenn der Abend nicht gerade von heiteren Unterhaltungen geprägt sein würde.
00:10:59: So viel war klar.
00:11:05: Nachdem es es Luni auch noch eine Schale mit gegartem Rosenkohl und eine Sossiere auf den Tisch gestellt hatte, wurde endlich gegessen.
00:11:13: Zu viert nahmen sie schweigend ihr Abendbrot ein und niemand schien sich daran zu stören, dass abgesehen von gelegentlichem Schmatzen und Röpsen und dem leisen Knacken der Holzscheite im Kamin nur noch stille im Wohnzimmer zu vernehmen war.
00:11:27: Doch John Larsen wusste bereits, dass dies nicht so bleiben würde.
00:11:31: Er würde sich nach dem Essen nicht einfach in die ihm zugewiesene Kammer zurückziehen können.
00:11:36: So unhöflich war er nun auch wieder nicht.
00:11:38: Stattdessen würde er noch mindestens eine oder zwei Stunden am Tisch sitzen bleiben müssen, aufgrund seines bleiernden Völlegefühls immer wieder ein Genen unterdrücken und ihren proletarischen, albernen Geschichten lauschen müssen.
00:11:51: Er wusste bereits.
00:11:52: dass ihm das nur mit noch mehr Alkohol im Blut gelingen würde.
00:11:58: Aber diese Bedingung schien kein sonderliches Problem darzustellen.
00:12:03: John Larsen bemerkte, dass insbesondere Matilda Rooney, während des Essens immer wieder den hohen Kug mit dem Grog zu sich heranzog und sich großzügig nachschenkte.
00:12:13: Herr Gott, diese Frau schien ihm bald trinkfester zu sein als er selbst.
00:12:17: Dabei verzog sie keine Mine und schaufelte schweigsam weiter Kartoffeln und Rutanfleisch in sich hinein.
00:12:25: Als alle am Tisch sich satt gegessen hatten, und aufgrund ihrer nun hervorquellenden Bäuche erst mal die Gürtel lockern mussten, geriet Mrs.
00:12:33: Rooney beim Aufstehen und Abtragen der schmutzigen Teller allerdings doch gehörig ins Wanken.
00:12:39: Einmal hätte sie fast das Gleichgewicht verloren und dabei sämtliches Besteck von dem Tellerstapel auf den Boden stürzen lassen.
00:12:45: Doch sie fing sich gerade noch ab und lief dann in unsicheren Schlangenlinien wieder zurück in Richtung Küche.
00:12:54: Die Männer gingen derweil dazu über, ihre Pfeifen mit Tabak zu stopfen, und Mr.
00:12:58: Rooney stand auf, um aus einer angrenzenden Kammer einen alten Whiskey zu holen.
00:13:04: Offenbar hatte er ihn für diesen Anlass extra aufbewahrt.
00:13:09: John Larsen begann sich zu fragen, ob er vielleicht Vorschnäher über die Runis geurteilt hatte, angesichts ihrer offenkundigen Gastfreundschaft.
00:13:17: Doch beim Blick in das nun wieder zu einer düsteren, miene verzohnen Gesicht des Sohnes wusste er, dass hier und heute keine wirkliche Stimmungswende mehr bevorstand.
00:13:27: Also kippte er in Windeseile den vom Gastgeber ein Geschenken Whiskey hinunter, und Stammelte verlegen, die beschwerliche Anreise sitze ihm noch immer in den Knochen, und er habe das Gefühl, womöglich etwas auszubrüten, weshalb er sich lieber bald auf sein Zimmer zurückziehen würde.
00:13:46: Abgesehen von Matilda Rooney, die inzwischen alles Geschirr und Unrat verräumt hatte, und nun mit einem weiteren großen, krukvoll Grog auf der Schwelle stand, schien niemand sich an John Larsens Ausflüchten zu stören.
00:13:58: Ach, wie schade, jetzt, wo ich endlich fertig bin.
00:14:01: leute die Bäuerin und wankte mit der Kanne auf die Runde am Tisch zu.
00:14:06: Erst jetzt wurde offensichtlich, wie betrunken sie wirklich war.
00:14:10: An Mr.
00:14:11: Looney's Stelle hätte John Larsen ein solches Verhalten auf keinen Fall toleriert.
00:14:15: Er fand es grässlich, wenn Frauen sich so ungehemmt betranken, noch dazu, wenn sie gerade ihre Pflichten in Küche und Haushalt ausübten.
00:14:23: Aber auch bei dem alten Looney und seinem Sohn, dessen Name ihm noch immer nicht einfallen wollte, hatte der stetige Konsum von Hochprozentigem in diesem Abend bereits massive Spuren hinterlassen.
00:14:35: Womöglich war es ihnen ja auch gleichgültig, wie die Alte sich benahm.
00:14:39: Und überhaupt, was ging ihnen das alles eigentlich an?
00:14:46: Reusband erhob sich John Larsen von seinem Polsterstuhl und stützte sich betont schwerfällig an der Tischkante ab, um seinen Gastgebern die Erschöpfung, die ihnen nun zur Bettruhe zwang, überdeutlich zu demonstrieren.
00:14:59: Er machte eine kurze Verbeugung, lehrte seinen Becher in einem Zug, und richtete mit Mühe noch ein paar Dankesworte für das üppige Mal an Matilda Rooney, die diese mit trägen und glasigen Augen empfing.
00:15:11: Larsen war nicht einmal mehr sicher, ob sie ihm überhaupt noch zuhörte.
00:15:16: Er wankte in Richtung Flur und stieg behäbig die Treppe ins Obergeschoss hinauf.
00:15:22: Er hatte nicht einmal mehr gefragt, welches Zimmer ihm für die Nacht zu teil werden sollte, und es hatte sich auch niemand bereit erklärt, ihm jenes zu zeigen.
00:15:31: In Anbetracht des ärmlichen und unordentlichen Haushalts der Runis schien seine Gastgeber aber ohnehin kein festgelegtes Gästezimmer zu haben.
00:15:41: Zu seiner Überraschung musste er dann allerdings feststellen, dass es dort oben nur ein einziges Zimmer mit einem Bett gab.
00:15:48: Die übrigen Quadratmeter erstreckten sich offen über einen großen Flur, der direkt zu der ans Wohnhaus angrenzenden Scheune führte.
00:15:56: Einen moment lang beschlicht John Larsen das schlechte Gewissen.
00:16:00: Wenn er sich hier nun zur Ruhe bettete, Wo würden dann Patrick und Mathilda Looney ihre Nacht verbringen?
00:16:06: Und was war mit ihrem Sohn?
00:16:08: Der musste doch schließlich auch irgendwo schlafen.
00:16:13: Da dämmerte es dem Gutzern, dass dieses Zimmer vermutlich nicht der einzige Schlafplatz der Familie war.
00:16:19: Es musste weitere Zimmer im Erdbeschuss geben.
00:16:21: Deshalb sich ihm auch niemand in den Weg gestellt hatte, als er die Stufen ins Obergeschoss hinaufgegangen war.
00:16:29: Er leichtert, schloss John Larsen die Tür hinter sich, setzte sich schwungvoll auf das Bett und zog sich die Stiefel aus.
00:16:35: Hier oben würde er unter Garantie nicht mal das Geschnarche seiner volltrunkenden Gastgeber mit anhören müssen.
00:16:42: Zufrieden legte er sich in voller Montur aufs Bett und schloss die Augen.
00:16:47: Es dauerte keine zehn Sekunden und schon war er eingeschlafen.
00:16:56: Ein schreckliches enge Gefühl in der Brust ließ ihn plötzlich wieder hochschrecken.
00:17:00: Es fühlte sich an, als ob ihm jemand die Luft abschnürte.
00:17:04: In seinen Lungen brannte es wie Feuer.
00:17:07: Er drehte sich auf den Bauch und hustete.
00:17:10: Ein schwerer Hustenkampf durchfuhr seinen gesamten Körper, und er musste mehrere Male die Atemluft mit bellenden Lauten und viel Druck wieder ausstoßen, um Linderung zu erfahren.
00:17:21: Als er wieder Luft bekam, war er so erschöpft, dass er direkt zurück auf sein Kissen fiel und wieder einschlief.
00:17:32: Als er das nächste Mal erwachte, war es draußen bereits wieder hell.
00:17:37: John Larsen schlug die Augen auf und fühlte sich sofort mehr tot als lebendig.
00:17:42: Herr Gott, hat er wirklich so viel getrunken?
00:17:45: Seine Lunge brannte noch immer, seine Nase war verstopft und auch seine Augen trähnten und fühlten sich stark entzündet an, als hätte er sein Gesicht direkt über einen Eimer voll Buttersäure gehalten.
00:18:00: Schwerfällig setzte er sich auf und musste unwähkürlich husten.
00:18:04: Er fand in seiner Jackentasche ein altes Stofftaschentuch und hustete hinein.
00:18:09: Als er den Inhalt des Tures betrachtete, war er plötzlich hellwach.
00:18:14: Der Schleim aus seinem Bronchen war pechschwarz.
00:18:18: Verunsicher drehte Larsen den Kopf zur Seite und starte auf sein Kissen.
00:18:23: Es war ebenfalls mit schwarzen Sprenkeln übersät.
00:18:27: Die mussten von seinem Hustenkampf früher in der Nacht herrühren.
00:18:31: Verdammt noch mal, was war nur los mit ihm?
00:18:34: Hat er sich etwa eine schwere Lungenentzündung auf dem Weg zu den Runis eingefangen?
00:18:39: Doch während er fieberhaft überlegte, fiel ihm noch etwas anderes auf.
00:18:44: Die Luft im Raum wirkte seltsam staubig und asch grau.
00:18:48: Und auch die wenigen Möbel im Zimmer.
00:18:50: Einschließlich seines Bettes und eines alten Bauernschranks waren mit einer feinen Staubschicht überzogen.
00:18:58: Mühsam rappelte John Larsen sich auf, um der Sache auf den Grund zu gehen.
00:19:02: Er stieg in seine Stiefel und wankte schwerfällig hinaus.
00:19:06: Dabei konnte er sich dem Eindruck nicht erwehren, dass jeden Moment seine Lunge kollabierte.
00:19:12: Wieder keuchte und hustete er.
00:19:15: Seine Brustschmerzte unerträglich.
00:19:20: Langsam stieg er die Treppe hinab und sah sich um.
00:19:23: Über dem Haus lag eine gespenstische Stille.
00:19:26: Im Flur und Wohnzimmer sah alles noch so aus, wie er es am Vorabend verlassen hatte, abgesehen von dem Feuer im Kamin, das nun offenkundig verglüht war.
00:19:36: Doch auch die Becher und die Kanne, die nach dem gestrigen Trinkgelage noch immer auf dem Esstisch standen, waren mit einer Klebrik schwarzen Staubschicht überzogen, hier noch deutlicher zu sehen als im Obergeschoss.
00:19:49: Und da seine Schleimhäute nun allmählich abschwollen, konnte John Larsen erstmals einen unverkennbaren Geruch im Haus ausmachen.
00:19:57: Feuer!
00:20:01: Beunruhig ging Larsen zurück in den Flur und betrachtete die davon abgehenden Zimmertüren.
00:20:07: Die Tür zur Küche, die sich direkt gegenüber des Eingangs zum Wohnzimmer befand, stand offen und er konnte mit einem Blick feststellen, dass niemand sich in dem kleinen gedrungenen Raum aufhielt.
00:20:19: Eine weitere, verschlossene Tür direkt daneben offenbarte sich derweil nur als Speisekammer.
00:20:25: Als John Larsen die Tür öffnete, sah er im Lichtschein des Türspals gerade noch eine Maus weg huschen, bevor sein Blick auf das hölzame Einbauregal mit den Vorräten traf.
00:20:36: Nun blieb nur noch eine einzige Tür übrig, die zum Schlafzimmer der Runys führen musste.
00:20:42: Und diese stand angelehnt.
00:20:47: Larsen bewegte sich langsam darauf zu und klopfte vorsichtig an.
00:20:51: Keine Reaktion.
00:20:54: Er klopfte erneut, dieses Mal kräftiger, doch er erntete Abermeiz nur Schweigen.
00:20:59: Da stieß er vorsichtig die Tür auf und trat in den Raum.
00:21:04: Er war ähnlich kerklich eingerichtet wie sein eigenes Schlafzimmer, nur mit einer Kommode neben dem Fenster und einem Doppelbett, dessen Kopfänder an der Längsseite des Raumes stand.
00:21:15: In diesem Bett lag auf der einen Seite Mr.
00:21:17: Rooney und Schlief.
00:21:19: John Larsen reusperte sich und wollte etwas sagen, doch da fiel ihm auf, wie aschfahl das Gesicht des alten Landwirts war.
00:21:28: Die Haut um seine Augen war gerötet und stark angeschwollen.
00:21:31: und seine Mine war vollkommen reglos.
00:21:34: Larsen berührte den alten Mann zögerlich an der Stirn.
00:21:38: Eis kalt.
00:21:40: Kein Zweifel.
00:21:41: Patrick Rooney war tot.
00:21:47: Einen Moment lang stand John Larsen einfach nur da und versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen.
00:21:53: Da klopfte es plötzlich lautstark an der Haustür.
00:21:56: Er zogte unwillkürlich zusammen.
00:21:58: Dann hastete er schnell in den Flur und in Richtung Eingangstür.
00:22:03: Wer auch immer das war, Er wollte keinen Augenblick länger alleine mit einer Leiche im Haus sein.
00:22:09: John Larsen schob den Riegel zur Seite und öffnete die Tür.
00:22:12: Sofort schlug ihm ein eisiger Wind und eine Ladung Schneeflocken entgegen, und dahinter stand der junge Rooney, der sich eine Mütze tief ins Gesicht gezogen hatte, und ihn abermals finster musste.
00:22:24: »Wo sind meine Eltern?« fragte der Bursche und barnte sich seinen Weg ohne Vorrede direkt ins Haus.
00:22:30: Der junge Mann stapfte mit schweren Stiefeln den Flur hinunter, und John Larsen eilte ihm nervös hinterher.
00:22:37: »Es ist etwas passiert!« begann er zögerlich.
00:22:41: Der Hühne blieb abrupt stehen und drehte sich um.
00:22:44: »Was soll das heißen?«.
00:22:46: »Ehe Vater, er ist!«.
00:22:49: John Larsens Blick wanderte in Richtung des ehrlichen Schlafzimmers.
00:22:52: Der junge Rooney verstand sofort und presste sich in dem engen Flur an ihm vorbei.
00:22:58: Larsen bevorzugte es, lieber an Ort und Stelle zu bleiben.
00:23:03: Zum einen weil er den arschgrauen Leichnam des alten Mannes nicht noch einmal in Augenschein nehmen wollte.
00:23:10: Zum anderen, weil er wusste, dass dies ein höchst intimer und niederschmetterner Moment für den Jungen Luni sein würde, seinen toten Vater so auffinden zu müssen.
00:23:19: Da wollte er kein ungebetener Zuschauer sein.
00:23:25: Doch zu seiner Überraschung drang kein orenbetäubender Schrei der Verzweiflung an sein Ohr, während er auf dem Flur wartete.
00:23:32: Stattdessen kehrte der junge Luni nach einigen Sekunden zurück und fragte tonlos, Wo ist meine Mutter?
00:23:39: John Larsen vermutete, dass er unter Schock stand und deswegen so wenig Emotionen zeigte.
00:23:45: Oder konnte es sein, dass ihm sein Vater vielleicht nie sonderlich nah gestanden hatte?
00:23:51: Ich habe überall nach ihr gesucht, aber sie nirgendwo entdeckt, antwortete er leise.
00:23:57: Das stimmte zwar nicht so ganz, denn völlig akribisch hatte er das Haus natürlich nicht durchkämmt.
00:24:02: Aber vielleicht war es besser, wenn nicht er, sondern der eigene Sohn seine Mutter auffand.
00:24:07: sollte ihr ein ähnliches Schicksal wie ihrem Gatten widerfahren sein.
00:24:10: Doch der junge Luni war offenbar anderer Meinung.
00:24:16: Dann suchen sie noch mal das ganze Haus ab.
00:24:18: Ich werde derweil draußen und in der Scheune nachschauen.
00:24:21: Sie muss irgendwo sein.
00:24:24: Und mit diesen Worten stürmt er aus der Tür hinaus in Schneegestöber.
00:24:28: John Larsen blieb einen Moment wie angewurzelt stehen und überwand sich schließlich, sich doch noch in Bewegung zu setzen.
00:24:35: Falls die alte Frau noch lebte und irgendwo stumm und einsam qualen glitt, wollte er nicht für ihr Leiden verantwortlich sein.
00:24:44: Außerdem sagte ihm sein Bauchbefühl, dass er vorhin bei dem Blick in die Küche irgendetwas übersehen hatte.
00:24:51: Als er jedoch ein zweites Mal hinein sah, war in dem Raum immer noch keine Menschenseele zu sehen.
00:24:57: Dennoch machte er ein paar Schritte vorwärts und blieb plötzlich verwundert stehen.
00:25:02: Auf dem hölzernen Dielenboden, direkt zwischen dem Küchentisch und einem umgefallenen Stuhl, entdeckte er einen schwarzen Fleck.
00:25:10: Beim näheren Herantreten sah er dann, dass es sich um ein großes, verrußtes Loch handelte.
00:25:17: Das Feuer hatte sich bis auf den Erdboden unter dem Haus durchgefressen.
00:25:22: Und als ihr dieses Loch wiederum näher inspizierte, entdeckte er darin Matilda Rooney oder vielmehr, was von ihr übrig war.
00:25:36: Die herbeigerufene Polizei und Rettungskräfte bagen aus dem verkohlten Loch einen Haufen menschlicher Asche, dazu einen Schädel, ein Stück Wirbelsäule und ein paar weitere kleine Knochen.
00:25:48: Die stämmige Bäuerin war von ehemals neunzig Kilo auf ca.
00:25:52: sechs Kilogramm menschliche Überreste geschrumpft.
00:25:55: Man folgerte schnell, dass Mrs.
00:25:57: Rooney der sogenannten spontanen Selbstentzündung zum Opfer gefallen sein musste.
00:26:03: Durch das Trinken des hochprozentigen Grocks war sie selbst hochentzündlich geworden und ein einziger Kontakt mit einer Kerze, die man auf dem Küchentisch fand, musste sie in Flammen gesteckt haben.
00:26:15: Mrs.
00:26:15: Rooney war bei lebendigen Leib verbrannt.
00:26:18: als hätte man sie mit Benzin übergossen.
00:26:22: Interessanterweise hatte die Küche und auch der Rest des Hauses jedoch keinen Schaden genommen.
00:26:27: Abgesehen von dem schwarzen, klebrigen Ruhs, der sich überall ausgebreitet hatte, war das gesamte Gebäude unversehrt geblieben.
00:26:35: Die Ermittler rekonstruierten dennoch, wie auch Mr.
00:26:38: Rooney zu Tode gekommen sein musste.
00:26:41: Das Schlafzimmer der Ehleute war direkt neben der Küche, und seine Tür war nur angelehnt gewesen.
00:26:47: Da auch der alte Runi von dem Alkohol stark berauscht gewesen sein musste, hatte er nicht bemerkt, wie seine Frau im Raum nebenan Lichter Lobranthe, und er selbst war schließlich an einer Rauchvergiftung im Schlaf gestorben.
00:27:00: John Larsen wiederum hatte im Obergeschoss mit geschlossen Natur geschlafen, was ihm vermutlich das Leben gerettet hatte, auch wenn er ebenfalls die giftigen Gase und Asche eingeatmet hatte.
00:27:11: Eine Weile hatte man ihn des Mordes an Mrs.
00:27:13: Runi verdächtigt.
00:27:15: Allerdings bezeugte der verrußte Kopfabdruck auf seinem Kissen, das er geschlafen haben musste, während die Bäuerin sich selbst in Flammen gesteckt hatte.
00:27:26: Von dieser Entlastung konnte John Larsen allerdings nicht mehr lange profitieren.
00:27:30: Zwei Wochen nach Mrs.
00:27:31: Rooney's tödlichen Unfall an Heiligabend starb auch er an den Folgen seiner Rauchvergiftung.
00:27:39: Den Sohn der Rooney's sah man nach dem Tod seiner Eltern niemals wieder und seltsamerweise belangte ihn die Polizei auch niemals für das.
00:27:47: was am vierentzwanzigsten Dezember, achtzehntundfünfundachtzig, in dem alten Bauernhaus vorgefallen war.
00:27:54: Noch auf seinem Sterbebett fragte sich John Larson, warum die Ermittler den jungen Mann offenbar nicht verdächtigten, wo dieser selbst die schicksalhafte Nacht verbracht hatte, während seine Eltern grausam zu Tode kamen.
00:28:07: Warum er nicht getrauert hatte, als er seine alten Herrschaften am Morgen des ersten Weihnachtstages tot auffand.
00:28:16: Und, wie verdammt noch mal, Sein Name lordete.
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